Schweigen im Sturm Teil drei

Sie hat gleich Ja gesagt. Ich musste es ihr nur kurz erklären, sie hörte zu und sagte: »Ja, das kannst du gerne machen. Ich backe auch was.«Jetzt sitze ich an ihrem PC, neue Email-Adresse, Proxyserver, GPG-Verschlüsselung und die versprochenen Brownies. Am anderen Ende des Datenozeans sitzt ein junger Mann vor seinem Bildschirm. Ein Treffen meinte er, wäre zu gefährlich, und auch sonst muss er anonym bleiben. Vor fast zwei Jahren hat er an einer Polizeischule angefangen,jetzt redet er, er will es, hat einen Freund gebeten, Kontakt herzustellen.

Wie ist das für dich, also mit mir zu »reden«? Ich meine, eigentlich musst du deinen Arbeitgeber ja vor Menschen wie mir schützen. Komisch. Das liegt aber nicht an dir, sondern an dem Umstand, unter dem wir hier miteinander reden müssen. Wir beide müssen aufpassen. Ich könnte meine Arbeit verlieren, bei dir könnte man ja zum Beispiel die Wohnung durchsuchen und deinen Rechner und das Übliche mitnehmen. Das hätte ich vor ein paar Monaten noch für unmöglich gehalten.

Zweifelst du an deinem Beruf? An meinem Beruf selber nicht, es macht mir echt Spaß Polizist zu sein, oder es zu werden. Woran ich mehr zweifel, sind die Sachen, für die man uns einsetzt.

Ihr müsst hunderte Wohnungen durchsuchen. Zum Beispiel. Ich war zwar noch nie bei einer Wohungsdurchsuchung dabei, aber ich finde, dieser schwere Eingriff in die privaten Räume eines Menschen wird hier viel zu oft eingesetzt. Ich glaube, es geht nicht um die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden könnten, sondern um den warnend erhobenen Zeigefinger, den man den Betroffenen vor die Nase halten möchte.

Sehen das viele Kollegen so? Für viele von uns [Polizeischüler, Anm. d. Red.] ist einfach alles neu und das fasziniert uns. Die Uniform wird wie eine zweite Haut. Die schützt uns nach Außen hin und schweißt uns nach Innen zusammen. Mir kommt es fast so vor, als würden sich einige von den Schülerinnen und Schülern hier gerne zu Actionhelden entwickeln.

Und sie hinterfragen nicht ihre Einsätze? Das ist interessant zu beobachten: Bei uns in den Zügen geht es danach oft zu, wie nach einer krassen Achterbahnfahrt, jeder erzählt wie geil es war, man prahlt in der Wir-Form und das schweißt zusammen. Bei Leuten die schon länger im Dienst sind, ist das anscheinend nicht mehr so. Die gehen entweder nüchtern an den Papierkram oder klopfen sich kurz auf die Schulter, weil sie froh sind, dass es allen gut geht. Das sind zumindest meine Eindrücke.

Sie sitzt hinter mir, kaut einen ihrer selbstgebackenen Brownies. Die müssen köstlich sein. Ich hatte ihr davor in einem längeren Gespräch erzählt, was ich so für Bekanntschaften hatte. Sie meint, dass sich schlechte Erinnerungen oft besser einprägen als gute. Ein paar gute sind mir eingefallen, Polizisten die mich gut behandelt haben. Vielleicht ist das auch nur ein Fehler in der menschlichen Psyche, aber ich bleibe dabei: In der Summe überwiegen die schlechten Erfahrungen.

Dein erster Einsatz, wie hast du dich dabei gefühlt? Stark. Wie gesagt: Die Uniform wird zur zweiten Haut.

Vielleicht eher zu einem Panzer? Ja, das kann gut sein, aber das braucht man. Man hat vor Polizisten heute keinen Respekt mehr. Gerade als Beamter in der Bereitschaft oder einer Hundertschaft spürt man die Ablehnung, oder den Hass - immer. Wenn du Anweisungen gibst, wirst du ausgelacht, nicht für voll genommen, beleidigt und mit körperlicher Gewalt musst du eigentlich immer rechnen.

Aber woher kommt das? Keine Ahnung, wirklich nicht. In Migrantenvierteln kommt es vermutlich von der zunehmenden Deutschfeindlichkeit, in irgendwelchen alternativen Vierteln liegt es wohl an den Lebensideen der Bewohner, bei brisanten Fußballspielen an dem woher auch immer herkommenden Hass, dem Alkohol oder der Lust sich zu schlagen.

Klingt irgendwie sehr einfach und auch ein bisschen planlos. Ja ich weiß, du gibst dem Staat die Schuld.

Kann man das denn nicht? Immerhin hat die Regierung die Zustände zu verantworten, in denen du arbeiten musst. Der Mensch muss doch aber in der Lage sein, sich selber zu Entscheiden, wie er mit anderen Menschen umgeht. Einerseits schimpfen alle über uns, nennen uns Bullenschweine, aber auf der anderen Seite weiß jeder unsere Nummer und würde sie im Notfall wohl auch wählen, weil er weiß, dass wir ihm helfen.

Das gleiche gilt aber auch für Polizisten. Negativbeispiele muss ich dir jetzt nicht aufzählen. Das hat mich zum Beispiel sehr enttäuscht: Ich weiß, vielen platzt irgendwann der Hals, wenn sie Wochenende für Wochenende beleidigt und auch angriffen werden, das finde ich im übrigen sehr menschlich. Aber manche haben sich verändern lassen. Das sind Rohlinge. Die klappen ihr Visier runter und kommunizieren ab da an nur noch non verbal. Der psyschiche Druck ist immens, manche halten das nicht durch und wie in vielen Fällen ist das Ventil Gewalt.

Ich erkläre meiner Kommilitonin, dass 2009 gegen 2980 namentlich bekannte Polizeibeamte intern ermittelt wurde. Die Vorwürfe: Amtsmissbrauch, Gewalt im Amt und Totschlag. Über 95% der Verfahren wurden eingestellt, lediglich 32 verurteilt. Dazu kommen hunderte, vermutlich tausende Anzeigen gegen Unbekannt, denn die identifizierung der Täter ist oft unmöglich. Namen und Dienstnummern werden verschwiegen, Polizisten vermummen sich mit Sturmhauben, vernichten Videomaterial.

Gerade dann, wenn man sich sicher sein kann, dass man nicht strafrechtlich verfolgt wird? Das streiten viele gerne ab, aber ja, es ist so. Als Polizist im Dienst gibt es einige Hände, die sich schützend über dich legen. Versetzungen und zeitlich begrenzte Beförderungsverbote sind wenn überhaupt die Konsequenzen.

Stell dir vor, du müsstest meine Wohnung durchsuchen … Ich würde es machen, aber ich würde dich angemessen und höflich behandeln. Auch wenn es dieser Staat vielleicht nicht tut: Ich versuche mir meine Erziehung, mein Rechtsbewusstsein und mein Wertegefühl so lange wie möglich zu behalten.

Und wenn dieser Staat in eine ähnliche Situation kommt, wie es in Griechenland oder Spanien passierte oder gerade passiert? Daran will ich ehrlich nicht denken. Ich weiß, ich und meine Kollegen werden gut ausgebildet, um uns und andere zu schützen, aber da ist dann diese ganz einfache Frage: wofür? Ich habe Angst, irgendwann nicht mehr nur vor betrunkenen Hooligans oder aus Gewohnheit randalierenden Linken zu stehen. In Griechenland wurden Polizisten von alten Freunden, Nachbarn, vielleicht sogar Familienmitgliedern angegriffen, weil die einfach so eine Wut hatten. Soweit ist es hier zum Glück noch nicht, aber ich halte es nicht mehr für so unwahrscheinlich. Vielen geht es hier schon echt scheiße, viele stehen mit den Politikern Stirn an Stirn und unser Wohlstand ist endlich.

Aber du würdest dir deine Uniform anziehen und in den Einsatz gehen? Sicher. Vermutlich nicht für den Staat oder irgendwelcher Hoheitsabzeichen, aber für und wegen meiner Kollegen, die will ich beschützen.

Unsere Reihe ist damit zu Ende, das Schweigen auch - der Sturm nicht. Der alte weht noch immer und ein neuer zieht schon auf. Ich bedanke mich bei ihm, lösche so, wie er mich darum gebeten hatte, die genutzte Email-Adresse. Endlich kann ich mir einen der köstlichen Brownies schnappen. Sie hat die ganze Zeit mitgelesen. Wir unterhalten uns noch lange. Im ersten Teil unserer Reihe hatte ein Betroffener der Hausdurchsuchungen im Zuge des Spreelichter-Verbots ein gutes Wort, für Menschen wie sie - ein stiller Symphatisant.

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Notes:

  1. von identitaet gepostet